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Dialog der Generationen  
- Symposium: Augustinerkloster 14. – 15.11.2007
- Ausstellung: Peterskirche 14.11.2007 – 20.01.2008


Gottfried Jäger:

- Statement Konkrete Fotografie und Gespräch mit Kurt Laurenz Theinert, Augustinerkloster, 14. – 15.11.2007.
- Ausstellung Fotoarbeiten 1967–2007,
Peterskirche, 14.11.2007 – 20.01.2008.


Gottfried Jäger: Konkrete Fotografie. Statement

Der Beitrag behandelt in kurzen Zügen die Begriffsgeschichte der Konkreten Fotografie und deren näheres Umfeld bis heute. Inhaltliche Fragen werden angesichts des begrenzten Zeitrahmens nicht vertieft. Sie wurden in jüngster Zeit verschiedentlich vorgetragen und publiziert (s. Literatur und Anmerkungen).


Der Doppelbegriff Konkrete Fotografie wurde 1967 anlässlich einer Gruppenausstellung von vier jungen Schweizer Avantgardefotografen in der Berner Galerie aktuell erstmals erwähnt (1). Seitdem führte er dreißig Jahre lang ein Schattendasein. Wieder belebt wurde er durch die Aktivitäten des Sammlers Peter C. Ruppert. Bei Ausstellungsbesuchen Ende 1996 in Düsseldorf und Köln mit Arbeiten von René Mächler und mir entdeckte er ein noch unerschlossenes Gebiet für seine Sammlung Konkrete Kunst in Europa nach 1945 (2). Texte zum Thema führten zu weiteren Ankäufen (3). Im Februar 2002 wurde die Sammlung Ruppert dann als Dauerausstellung im neu errichteten Museum im Kulturspeicher Würzburg eröffnet – und im Rahmen dessen eine, wenngleich noch kleine, so doch eigenständige Abteilung Konkrete Fotografie (4), die heute, nach fünfjähriger Fortschreibung, u. W. als europaweit einzige museale Darstellung dieser Kunstform gelten kann (5).

Im Vorfeld und zeitparallel dazu gab es allerdings eine Reihe von Aktivitäten, ohne die diese Feststellung so nicht hätte getroffen werden können. Dazu zählen:

1. Die 1968 in Bielefeld gezeigte Ausstellung Generative Fotografie (6), deren Ergebnisse sich heute als spezifische Form der Konkreten Fotografie darstellen. 1975 erschien dazu eine Buchpublikation, durch die sich das Gebiet im Schnittfeld von Experimenteller Fotografie, Apparativer Kunst und Generativer Ästhetik etablierte (7).

2. Der 1988 als Buchtitel eingeführte Begriff Bildgebende Fotografie mit seinem erweiterten Blick auf das ganze Gebiet nicht abbildender, strukturerzeugender Fotografie mit der Systematisierung ihrer innerbildlichen Prozesse. Dabei ging es nicht um den Blick durch den Apparat (auf die Welt da draußen), sondern auf ihn selbst und in ihn hinein (8).

3. Die Aktivitäten zum Begriff Abstrakte Fotografie. Dazu zeigte die Kunsthalle Bielefeld im Herbst 2000 eine umfassende Ausstellung mit Katalog (9). Gleichzeitig veranstaltete die FH Bielefeld das Symposium Abstrakte Fotografie: Die Sichtbarkeit des Bildes, dessen Ergebnisse seit 2002 in Buchform vorliegen. Darin werden Möglichkeiten und Grenzen des Gebietes weiter erschlossen, Begriffe und einzelne Phänomene definiert – so auch die besonderen Eigenschaften der Konkreten Fotografie in ihrer Nähe und Abgrenzung zum Abstraktionsbegriff (10).

Die Aufzählung ist exemplarisch und bei weitem nicht vollständig. Man muss historisch weiter zurückgreifen. Denn die Konkrete Fotografie ist ja nicht nur ein Teilgebiet der allgemeinen Fotografie und deren Geschichte, sondern auch Teilgebiet der Konkreten Kunst mit ihrem reichen Hintergrund, die aber hier als bekannt vorausgesetzt werden darf. Eine Übersicht bietet die anhängende Chronologie (s. dort).

Doch mag in diesem Kreis besonders die Frage interessieren, warum das Phänomen Konkrete Fotografie erst heute aus seinem Schatten tritt – obwohl es längst große Bildleistungen in Geschichte und Gegenwart nachweist. Dazu nur die folgenden Überlegungen:

Mit der inzwischen unbestrittenen Anerkennung der Fotografie als legitime Kunstform, geht auch ein verstärktes Interesse an ihren Sonderformen einher, ein Interesse am „Wie?“. Die zahlreichen Bildexperimente dazu galten in der Vergangenheit als reine „Fehlentwicklung“. Heute werden sie als „Gewinn“ wahrgenommen und als eine Art Zusatznutzen – nämlich eines ursprünglich ganz auf Reproduktion hin ausgerichteten Mediums. Hinzu kommt die wachsende Erkenntnis, dass auch ein noch so gegenstandstreues Foto kein ‚objektives’ Bild der Wirklichkeit abgibt, sondern dass man es grundsätzlich mit einer – zunehmend digital – manipulierten Bildwelt zu tun hat – einer Welt, die aber durchaus auch Vorteile bietet unter dem Stichwort ‚Bildgebende Verfahren’, so etwa bei der wissenschaftlichen Visualisierung in Medizin und Technik, bei der Bilderkennung, der Bildgestaltung, usw.

Man muss auch sehen, dass die Konkrete Fotografie – so wie sie sich bisher darstellt – anderen Motiven entspringt, als etwa die Konkrete Malerei – anderen auch als Konkrete Poesie oder Konkrete Musik. Erfunden und gefeiert als unverfälschtes Abbild, hat das Foto seine bildnerischen Fundamente erst mühsam und gegen Widerstände selbst entdecken und erkunden müssen. Es kam verhältnismäßig spät „zu sich selbst“, nämlich erst Anfang des 20. Jahrhunderts, als man lernte, zwischen bezeichnendem Medium (Zeichenträger, Signifikant) und bezeichnetem Gegenstand (Zeichen, Signifikat) sprachanalytisch zu unterscheiden (11). Und als man sich zu fragen und ins Bild zu setzen traute, was geschähe, wenn man beides in eins setzen würde: Medium und Objekt – was dem deutschen Philosophen Conrad Fiedler 1887 gedanklich, dem russischen Maler Wassily Kandinsky 1910 bildlich und dem belgischen Künstlertheoretiker Theo van Doesburg 1930 begrifflich gelang! Danach erweisen sich die daraus entstandenen Künste, die Konkrete Kunst und ihr Teilgebiet die Konkrete Fotografie, als Syntaxkünste, als Projekte formaler Ästhetik und sichtbare Äußerungen eines philosophischen Formalismus’, der sich, ähnlich der formalen Logik, ausschließlich mit seinen eigenen inneren (ästhetischen bzw. logischen) Strukturen befasst (12).

Das Foto hatte es bei Fragen dieser Art nun besonders schwer. Angesichts der Macht der gewöhnlich von ihm vermittelten Botschaften, der „Gewalt des Augenblicks“ (Beiler, 1969; 13), hatten bildimmanente Fotowerke kaum eine Chance. Ihre Verfechter sahen sich in der eigenen fotografischen Gemeinschaft isoliert und ausgegrenzt. Ihre Arbeiten galten weithin als artfremd und unnütz. Das sollte man hier nicht vergessen.

So gab es heftige Kämpfe auf mehreren Schauplätzen: dem Schauplatz der Kunstfähigkeit des Fotos („Ein Foto kann niemals Kunst sein“, Pawek, 1960; 14) und dem seiner Selbstbezüglichkeit („Eine zwielichtige Gattung“, Renger-Patzsch, 1960; 15) – und erst in jüngerer Zeit wurden entsprechende Anstrengungen als Ausdruck einer neuen Freiheit erkannt: „Freiheit ist, gegen den Apparat zu spielen“ (Flusser, 1983; 16). Es ist dies das eigentliche Credo der Konkreten Fotografie, wie ich meine, einer Kunst, die bewusst auf die Abbildung äußerer Gegenstände verzichtet und sich selbst zum Thema setzt: ihr Medium, das Licht, ihre einzigartigen Materialien, ihre generativen Prozesse, den Apparat. Sie bringt reine Lichtbilder hervor, Fotografien der Fotografie, eine Bildgattung eigener Art.

Zurück ins Heute: Seit Frühjahr 2005 liegt nun eine erste umfassende zweisprachige Publikation Concret Photography/Konkrete Fotografie vor (17); im Herbst 2005 wurde eine von Beate Reese eingerichtete Ausstellung mit historischen und aktuellen Arbeiten zum Thema im Würzburger Museum gezeigt (18). Und den vorläufigen Höhepunkt der Aktivitäten um Begriff und Praxis der Konkreten Fotografie bildeten das im Herbst 2006 von Josef Linschinger veranstaltete 16. Gmundner Symposium für aktuelle Kunst unter dem Thema Fotografie konkret und dessen erst kürzlich erschienene, vorzüglich redigierte Dokumentation (18). Auf weitere Entwicklungen darf man gespannt sein.

Literatur und Anmerkungen (zu Jäger: Konkrete Fotografie; Statement Erfurt, 2007)


(1) konkrete fotografie 4 aspekte. Ausstellung. Galerie aktuell, Bern, 13.01.–15.02.1967. Arbeiten von Roger Humbert, René Mächler, Rolf Schroeter und Jean Frédérick Schnyder. Bericht von Jacques Dominique Rouiller: Photographie concrete. In: Schweizerische Photorundschau, Heft 4/1967, vom 25. 02.1967, S. 138–140.

(2) Ende 1996 besuchte Peter C. Ruppert zwei Ausstellungen: René Mächler. Fotografie konkret in der Düsseldorfer Galerie Schoeller (29.11.1996–25.01.1997) und Gottfried Jäger, René Mächler: Konstruktive Fotoarbeiten in der Galerie in focus, Köln (08.11.–22.12.1996).

(3) Unter anderem der Aufsatz Konkrete Fotografie und konstruktive Konzepte (1982), in: Gottfried Jäger: Fotoästhetik. Zur Theorie der Fotografie. Texte aus den Jahren 1965 bis 1991. München, 1991, S. 91–98. In einem Brief an den Verfasser vom 26.03.2002.

(4) Konkrete Kunst in Europa nach 1945. Museum im Kulturspeicher Würzburg. Der Katalog, hrsg. von Marlene Lauter, 2002, enthält fotografische Werke von Kilian Breier, Heinrich Heidersberger, Pierre Cordier, Karl Martin Holzhäuser, Roger Humbert, Peter Keetman, Gottfried Jäger, René Mächler, Floris M. Neusüss und Ryszard Wasko.

(5) Spätere Erwerbungen weisen folgende Namen aus: Théodore Bally, Richard Caldicott, Inge Dick, Adam Fuss, Hein Gravenhorst, Heinz Hajek-Halke, John Hilliard, Gunther Keusen, Otto Steinert und Luigi Veronesi.

(6) Generative Fotografie. Ausstellung. Städtisches Kunsthaus Bielefeld, 21.01.–18.02.1968. Arbeiten von Kilian Breier, Pierre Cordier, Hein Gravenhorst und Gottfried Jäger (Idee und Ausführung). Faltblatt mit einem Text von Herbert W. Franke.

(7) Gottfried Jäger, Karl Martin Holzhäuser: Generative Fotografie. Theoretische Grundlegung, Kompendium und Beispiele einer fotografischen Bildgestaltung. Ravensburg, 1975.

(8) Gottfried Jäger: Bildgebende Fotografie. Fotografik Lichtgrafik Lichtmalerei. Ursprünge, Konzepte und Spezifika einer Kunstform. Köln, 1988.

(9) Thomas Kellein, Angela Lampe (Hg.): Abstrakte Fotografie. Katalog, Kunsthalle Bielefeld. Ostfildern-Rauit, 2000.

(10) Gottfried Jäger (Hg.): Die Kunst der Abstrakten Fotografie. Stuttgart/New York, 2002.

(11) Dieter E. Zimmer: So kommt der Mensch zur Sprache. Über Spracherwerb, Sprachentstehung und Sprache und Denken. Zürich, 1986.

(12) Lambert Wiesing: Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Reinbek bei Hamburg, 1997, insbes. S. 167.

(13) Berthold Beiler: Die Gewalt des Augenblicks. Gedanken zur Ästhetik der Fotografie. Leipzig, 1969.

(14) Karl Pawek: Totale Photographie. Die Optik des neuen Realismus. Olten/Freiburg i. Br., 1960, S. 97.

(15) Albert Renger-Patzsch: Versuch einer Einordnung der Photographie. Rede. Publiziert in: Deutsche Gesellschaft für Photographie, Köln, Veröffentlichung Nr. 4, Dez. 1960, S. 6.

(16) Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie. Göttingen, 1983, S. 55.

(17) Fotografie konkret konkrete Fotografie. Mit Licht gestalten ohne Kamera. Ausstellung. Kuratorin Beate Reese. Museum im Kulturspeicher Würzburg, 2005.

(18) Josef Linschinger (Hg.): Fotografie konkret/Photography concrete. 16. Gmundner Symposium für aktuelle Kunst. Wien/Klagenfurt, 2007.


 
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